Paradigmenwechsel in der Behandlung des kindlichen Knochenmarkversagens

Sunday, 16 September 2012 11:25

Wie andere Organe kann auch das für die Blutbildung zuständige menschliche Knochenmark versagen. Ursache dieses seltenen Krankheitsbildes ist in den meisten Fällen die Zerstörung der blutbildenden Stammzellen durch ein fehlgeleitetes körpereigenes Immunsystem. Die einzige Möglichkeit, diese mit dem Leben nicht zu vereinbarende Erkrankung zu heilen, ist eine  knochenmarktransplantation. 

Bisher benötigte man dafür allerdings einen passenden Geschwisterspender. Fehlte ein solcher, bestand nur die Möglichkeit, das Abwehrsystem des Patienten zu unterdrücken, um dadurch zumindest eine teilweise Erholung des Blutbildes zu erreichen. Grazer Wissenschafter haben nun eine neue Strategie entwickelt, die bei kindlichem Knochenmarkversagen auch die Transplantation von Knochenmarkstammzellen nicht verwandter Spender ermöglicht und damit jungen Patienten ohne Geschwister-Spender die Folgen und Nebenwirkungen einer lang dauernden Immunsuppression erspart.

Warum bei manchen Menschen körpereigene Abwehrzellen die blutbildenden Stammzellen im Knochenmark angreifen, ist unbekannt. Die Folgen dieses Autoimmunprozesses sind für die Betroffenen dramatisch: Histologisch sieht man ein praktisch leeres Knochenmark, in dem keine Hämatopoese (Blutbildung) mehr stattfindet. Betroffen sind bei diesem Krankheitsbild, das als schwere aplastische Anämie bezeichnet wird, neben roten Blutkörperchen auch weiße Blutkörperchen und Blutplättchen. Um zu überleben, sind die Patienten auf wiederholte

Bluttransfusionen angewiesen. „Ein derart geschädigtes Knochenmark erholt sich nicht mehr“, erklärt Univ.-Prof. Dr. Christian Urban, Leiter der Klinischen Abteilung für Pädiatrische Hämato- Onkologie der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde in Graz. „Daher sollte insolchen Fällen nicht zugewartet, sondern möglichst rasch interveniert werden.“ Geheilt werden können die Patienten nur durch Zerstörung ihres aggressiven Immunsystems und die Transplantation eines neuen gesunden Immunsystems und Knochenmarks. Im Unterschied zu Leukämien, bei denen das Abstoßungspotential durch vorausgegangene Chemotherapien reduziert ist, ist das Abwehrsystem bei Patienten mit aplastischer Anämie jedoch gesteigert und durch die notwendigen Bluttransfusionen zusätzlich sensibilisiert. Auf Grund des hohen Abstoßungsrisikos konnten daher bisher nur Knochenmarkstammzellen von Geschwistern mit identem HLA-System (=Gewebeantigene, die eine wichtige Rolle bei der Regulation der Immunantwort spielen) transplantiert werden. Da Geschwister aber nur mit einer Wahrscheinlichkeit von 25% dieselben HLA-Gene von ihren Eltern erben, fehlt bei vielen Patienten ein passender Geschwisterspender. Als Behandlungsalternative blieb dann nur die Unterdrückung des Autoimmunprozesses, um zumindest wieder eine Blutbildung auf niedrigerem Niveau zu erreichen. Die Immunsuppression ist jedoch mit einer Reihe von Nebenwirkungen verbunden. Zudem kann nicht bei allen Patienten mit einem einmaligen Immunsuppressionskurs eine stabile Remission erzielt werden. Oft kommt es zu Erkrankungsrückfällen, die weitere Behandlungszyklen mit entsprechenden Folgeschäden, die von Infektionen und Organschäden bis zur Entwicklung von Leukämien reichen, notwendig machen.

Univ.-Prof. Dr. Urban und seine Mitarbeiter entwickelten nun eine Strategie, um bei kindlichem Knochenmarkversagen auch Stammzelltransplantationen von Fremdspendern zu ermöglichen. Die eine Herausforderung war dabei, das Abstoßungsrisiko des vorsensibilisierten Empfängers ausreichend zu vermindern, ohne den Organismus zu sehr in Mitleidenschaft zu ziehen. Ein Bestandteil dieser so genannten Konditionierungstherapie war bisher die Bestrahlung aller Lymphknotenregionen. „Das wollten wir unbedingt  vermeiden, weil es sich bei der aplastischen Anämie ja nicht um eine maligne Erkrankung handelt und wir es mit jungen Patienten zu tun
haben“, erläutert der Hämato-Onkologe. Bei der neuen Konditionierungstherapie gelang es, mit Medikamenten das Auslangen zu finden. Die zweite Schwierigkeit war, zu verhindern, dass die im Fremdspenderkonzentrat enthaltenen Abwehrzellen den Empfänger angreifen. Diese
Graft-versus-Host-Reaktion (GvHR) hat zwar bei malignen Erkrankungen einen gewissen therapeutischen Nutzen, nicht aber bei der aplastischen Anämie. Um die GvHR zu unterbinden, wurden die dafür verantwortlichen T-Lymphozyten von den Grazer Forschern mit einer Immunmagnetmethode aus dem Stammzellenkonzentrat entfernt.

In den letzten Jahrzehnten wurden an der Grazer Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde 30 Patienten mit einer schweren aplastischen Anämie behandelt. In zwölf Fällen fand sich ein HLA-identer Geschwisterspender, bei achtzehn Kindern und Jugendlichen wurde eine Immunsuppression durchgeführt. Sieben Patienten, bei denen die Hämatopoese trotz immunsuppressiver Therapie nicht aufrecht erhalten werden konnte, erhielten Stammzellen eines Fremdspenders nach dem neuen Verfahren. Wie die Wissenschafter nun in der Fachzeitschrift „Pediatric Transplantation“ berichten, kam es in allen Fällen zu einem raschen Anwachsen des neuen Knochenmarks. Nach einer mittleren Nachbeobachtungszeit von 26 Monaten hatten sechs Transplantierte eine normale Hämatopoese. „Mit dieser neuen
Methode konnten wir zeigen, dass auch Patienten ohne passende Geschwisterspender eine Stammzelltransplantation erhalten können und nicht einer lang dauernden und potentiell unwirksamen und gefährlichen Immunsuppression ausgesetzt werden müssen“, fasst Prof. Urban die Ergebnisse zusammen. „Wir schlagen daher vor, bei Patienten mit aplastischer Anämie und fehlenden Geschwisterspendern nur einen Immunsuppressionskurs durchzuführen und bei Versagen dieser Therapie sehr früh eine Fremdspendertransplantation in Betracht zu ziehen.“

Weitere Informationen:
Univ.-Prof. Dr. Christian Urban
Klinischen Abteilung für Pädiatrische Hämato-Onkologie, Universitätsklinik für Kinder- und
Jugendheilkunde, Medizinische Universität Graz
eMail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.
Tel: +43 316 385-13485

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