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Wir sind ab nun regelmäßig im CHEMIE REPORT mit einer ÖGMBT-Kolumne mit den neuesten Entwicklungen aus der österreichischen Life Science Szene vertreten. Wenn Sie einen interessanten Beitrag dazu leisten wollen, richten Sie Ihre Anfrage bitte an die Geschäftsstelle!

 

 

Vom Molekül zum Organismus, von Mensch zu Mensch

on 18 December, 2025

Die diesjährige ÖGMBT-Jahrestagung in Innsbruck konnte mit herausragenden Plenarvorträgen und einer großen Breite an behandelten Themenpunkten. Auch für emeinschaftsbildende Maßnahmen war gesorgt.

Die Rolle von Mitochondrien für den Energiehaushalt eukaryotischer Zellen (das Fachgebiet wird auch „Bioenergetik“ genannt) ist ein wissenschaftlicher Dauerbrenner, zu dem seit Jahrzehnten interessante Forschung stattfindet. Dennoch gibt es manchmal Perioden, in denen besonders viele Publikationen zu dieser Thematik erscheinen. Dazu trägt derzeit auch Anne Simonsen vom Oslo University Hospital in Norwegen bei, die eine der Plenarvortragenden auf der diesjährigen ÖGMBT-Jahrestagung war. Ihre Forschungsgruppe hat mehrere Proteine entdeckt, die mit der Mitophagie (also dem gezielten Abbau mitochondrialer Strukturen, der durch Reize wie Sauerstoffmangel ausgelöst wird) in zusammenhang stehen.
„Das ist ein höchst aktuelles Forschungsgebiet“, sagt Johanna Gostner im Gespräch mit dem Chemiereport. Gostner führte gemeinsam mit Lukas Huber und Ludger Hengst den wissenschaftlichen Vorsitz der Tagung und hat sich über die hohe Qualität der Plenarvorträge gefreut: „Das Scientific Committee hat hier gute Arbeit geleistet.“ Zahlreiche Vortragende zeigten ein feines Gespür für die fachliche Vielfalt des Auditoriums und wählten eine Sprache, die auch über die Grenzen des eigenen Spezialgebiets hinaus verständlich blieb. Gleichwohl gelang es ihnen, aus dieser breiten Einführung heraus nahtlos in die spezifischen Aspekte ihrer Forschung überzuleiten.


Bekannte Signalwege, unbekannte Proteine
Das galt auch für die Präsentation von Georg Kustatscher. Den Südtiroler Wissenschaftler hat es nach dem Studium der Molekularbiologie in Salzburg und einer Dissertation am EMBL in Heidelberg an die University of Edinburgh geführt. In seinem Vortrag warnte Kustatscher vor einem „Streetlight effect“ in der Proteinforschung: Eine Reihe von bereits bekannten Proteinen werde immer genauer studiert, während viele andere gleichsam unterbelichtet bleiben. In Edinburgh arbeitet man dagegen an einer Methodik, durch Covariation der Expression von Proteinen (d.h. welches Protein mit unbekannter Funktion schwankt in der erzeugten Menge parallel zu einem mit bekannter Funktion) einer großen Zahl von Molekülen eine physiologische Rolle zuzuordnen (zu „annotieren“). „Es ist wichtig aufzuzeigen, dass das Proteom lange nicht so gut erforscht ist, wie man glaubt. Da gibt es für junge Forschende noch viele Möglichkeiten“, ist Gostners Einschätzung. Dass Veronika Sexl, Rektorin der Universität Innsbruck, sehr nahe am Puls der aktuellen Forschung ist, bewies sie durch ihren Eröffnungsvortrag über die Rolle des JAK/STAT-Signalwegs bei der Entstehung von Leukämien. Peter Murray vom Max-Planck-Institut für Biochemie übernahm die abschließende vierte „Plenary Lecture“ am Freitagnachmittag. Ihm gelang ein prägnanter historischer Abriss der Forschung zum Immunmetabolismus – also jener Prozesse, bei denen Stoffwechselprodukte von Immunzellen wichtige Signalwege steuern –, zu dem auch Innsbrucker Wissenschaftler maßgeblich beigetragen haben. Anschließend präsentierte er eigene, hochaktuelle Ergebnisse zum selektiven Abbau bestimmter Aminosäuren.


Toxikologie als Querschnittsmaterie
Zum zweiten Mal (und nach pandemischen Jahren zum ersten Mal in physischer Präsenz) wurde bei der Jahrestagung eine Session in Kooperation mit der Austrian Society for Toxicology (ASTOX) organisiert, in der auch Gostner engagiert ist. Als eingeladenen Gastredner konnte man hier Philip Marx-Stölting vom BfR (Bundesinstitut für Risikobewertung) in Deutschland gewinnen. Marx-Stölting koordiniert das „European Partnership for the Assessment of Risks from Chemicals“ (PARC), das sich darum bemüht, die Entwicklung von alternativen Ansätzen zur Chemikalienbewertung voranzutreiben. Eine Schlüsselrolle spielen dabei in-silico- und in-vitro-Methoden, deren Weiterentwicklung eng mit den regulatorischen Anforderungen verzahnt werden sollte. „Gerade jetzt könnte die Toxikologie ein für viele junge Forschende interessantes Arbeitsgebiet sein“, meint Gostner. Es sei an der Schnittstelle zwischen akademischer Forschung, Behörden und Unternehmen angesiedelt, benötige aber doch detaillierte Kenntnisse der beteiligten Signalwege – oft über das eigene Kerngebiet hinaus. Auch umgekehrt gilt: „In der Hydro- und Ökotoxikologie arbeitet man etwa mit Modellorganismen wie Daphnia, dem Wasserfloh – ein Organismus der vielen aus dem Studium nicht (mehr) geläufig ist“, erklärt Gostner.

Die Life Sciences als große Familie
Neben der wissenschaftlichen Horizonterweiterung erfüllt die ÖGMBT-Jahrestagung auch eine wichtige Community-Funktion. „Man hat gemerkt, dass nach den Einschränkungen der Corona-Jahre Bedarf an direkter Interaktion von Mensch zu Mensch besteht“, ist Gostners Eindruck, „das kann keine digitale Maßnahme ersetzen.“ Neben dem von ausstellenden Firmen ausgerichteten Abend „Wine & Science“ im Anschluss an die Verleihung der Austrian Life Science Awards (wir berichteten in der letzten Ausgabe) hatte man dazu vor allem beim Get-together im Wirtshaus Nattererboden Gelegenheit. Während des Meetings wurde auch ein Familienzimmer bereitgestellt, in dem man sich mit Kindern aufhalten konnte. „Für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit Betreuungspflichten kann so ein Angebot die Hemmschwelle senken, an Veranstaltungen teilzunehmen. Für künftige Jahrestagungen  wäre es wünschenswert, dass man das Angebot auch um eine aktive Kinderbetreuung erweitert.“ Die YLSA (Young Life Scientists Austria) organisierte im Rahmen der diesjährigen Tagung ein Spiel, bei dem Studenten Kärtchen von etablierten Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen einsammeln sollten, um das Vernetzen und Kennenlernen ein wenig zu erleichtern.Bild: Dibiasi Momente39 AustrianLifeScienceschemiereport.at 2025.8LIFE SCIENCES„Für mich war die Jahrestagung auch eine Gelegenheit, die Menschen am eigenen Campus (noch) besser kennenzulernen. Die Zusammenarbeit in den Biowissenschaften ist auch über Uni-Grenzen hinweg sehr produktiv, es war eine schöne Erfahrung“, ist Gostner persönliches Resümee.

Published in Chemiereport 08/2025